Co-Regulation in Beziehung: ist das gut oder schlecht?
Wir kennen das alle: es geht uns nicht gut, wir fühlen uns unsicher, sind aufgewühlt oder haben gerade etwas Blödes erlebt ... und wünschen uns, dass uns die Partnerperson aufbaut, unterstützt und beruhigt. Denn dafür ist Beziehung ja schließlich da!
Jein.
Einerseits ja. Denn mit schwierigen Dingen nicht allein zu sein, sondern füreinander da, ist wahrscheinlich für die allermeisten Menschen ein wichtiger Beziehungswert. Und wenn unsere Spannung steigt, dann ist es menschlich, sich von nahestehenden Menschen beruhigen zu lassen – kein Mensch ist eine Insel. Solange diese schwierigen Dinge von außen kommen und fürs Gegenüber halbwegs nachvollziehbar sind, funktioniert das meist auch gut. Co-Regulation heißt in diesem Fall dann: du hilfst mir, mich zu beruhigen. Oder ich helfe dir. Und wir machen das gern, denn so sind wir nicht allein mit den anstrengenden Gefühlen.
Aber was, wenn ich darauf angewiesen – man könnte auch sagen abhängig davon – bin, dass mich meine Partnerperson stets beruhigt und bestätigt? Wenn meine Gefühle und mein Anspannungszustand symbiotisch an die meines Gegenübers gekoppelt sind: ich also nur schwer alleine runterkomme und es noch schwerer ist für mich, halbwegs ruhig bei mir zu bleiben (= meine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und nach dem eigenen Wertesystem handeln kann), wenn bei meinem Partner oder Partnerin gerade die Spannung hoch ist.
Und jetzt wird es noch komplexer: was ist, wenn der oder die Partner*in Auslöser ist für meinen Groll, meine Unsicherheit oder Angst (und kleiner Reality Check: ja, das ist ganz normal und passiert in jeder Beziehung!) – wie soll er/sie mich dann gleichzeitig beruhigen?
Und wenn das dann nicht geht, wie reagiere ich? Beginne ich wütend um meine Position zu kämpfen, mache ich zu und breche die Verbindung ab oder wische ich meinen Ärger oder Angst lieber weg, damit wieder Frieden und Harmonie herrscht?
Oder umgekehrt: wenn ich etwas sage oder mache, dass mein Gegenüber verletzt, wütend oder ängstlich macht, ich es aber nicht aushalte, wenn es ihm oder ihr „schlecht“ geht (denn ich hänge ja quasi dran am anderen und halte diese hohe Spannung schlecht aus) – vermeide ich dann bestmöglich alles verunsichernde und stelle meine eigenen Bedürfnisse oder Unzufriedenheiten hinten an? Wie lange halte ich das durch und wozu führt es?
Schon beim Schreiben dieser Szenarien, die wir wohl alle auf die eine oder andere Art schon mal erlebt haben, dreht sich bei mir alles im Kopf und ich komme ins Schleudern. Und genau das kann Co-Regulation, wenn sie aus einer symbiotischen Beziehung heraus entsteht, eben auch mit sich bringen: massive Verwirrung, die immer gleichen Streit-, Rückzugs- oder Vermeidungsstrategien und einen riesigen Druck, für die Gefühle des Anderen verantwortlich zu sein und sie in den Griff bekommen zu müssen – denn sonst geht es einem selbst auch schlecht.
Und jetzt kommt die verrückte Idee, oder auch das, was der mittlerweile verstorbene amerikanische Therapeut David Schnarch „Differenzierung“ genannt hat: wie wäre es, wenn ich es schaffe, auch dann wenn ich und meine Partnerperson gerade unstimmig sind und es anstrengend wird, ein Stück weit bei mir zu bleiben, mich und meine Bedürfnisse und Haltung noch zu spüren und mit dem Gegenüber in Verbindung zu sein. Dabei geht es nicht um ein harmonisches Verbundenheitsgefühl, sondern eher darum, mich so weit selbst zu regulieren, dass ich diese Spannung halbwegs aushalten kann. Was würde das verändern: an meinem Handeln, an der Reaktion des Gegenübers, an unserer Beziehung? Würde es sich lohnen, das zu lernen?
Für alle, die es gerne visuell haben: Die tolle Paartherapeutin Berit Brockhausen hat dazu ein Video mit dem passenden Namen „Liebe ist nichts für Feiglinge“ gemacht. Hier könnt ihr es anschauen.




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